Samstag, 13. Juli 2013

Färben mit Orleansaat/Anatto und Cochenille

Sturmfreie Bude! Mann und Kinder waren im Schwimmbad und ich hatte Gelegenheit, in aller Ruhe die schon länger geplante Färbung mit Orleansaat durchzuführen. Grundlage dafür war das Orleansaat-Rezept Nr. 2 nach Dorothea Fischer, bei dem zunächst mit der Orleansaat gefärbt wird und später noch Cochenille zugefügt wird.

Bevor es mit der eigentlichen Färberei los ging, waren einige Vorbereitungen zu treffen, was das Kochen der Färbedrogen beinhaltet. In der Regel erledige ich dies draußen, in meinem Färbe-Einkochtopf. Um die Orleansaat auszukochen entschloss ich mich aber, einen alten Topf zu verwenden und den Vorgang in der Küche durchzuführen. Die Orleansaat war vom Volumen her schließlich nicht so viel, wie wenn man irgendwelche Blätter oder ähnliches auszukochen hat. Und weil das anschließende Abseihen mit dem großen Einkochtopf ziemlich unhandlich ist, zog ich die Küchenversion mit dem alten Topf eben vor. Ebenso verhält es sich bei der Cochenille. Das Blöde dabei ist, dass weder Orleansaat noch Cochenille besonders angenehm riechen, wenn man sie kocht. Um ehrlich zu sein: Beides finde ich widerlich. Da muss man schon gut für Frischluft sorgen! Ich stellte also den Topf samt Inhalt auf den Herd und verabschiedete mich in der Zwischenzeit aus der Küche. Eine Stunde soll die Auskocherei dauern - da brauche ich nicht neben dem Herd stehen und Däumchen zu drehen. Sinnvollere Tätigkeiten waren angesagt, also auf zur Nähmaschine! Es versprach ein echt kreativer und produktiver Nachmittag werden!

Nach einer Viertelstunde bekam ich Durst und begab mich in die Küche zum Trinken. Es erwartete mich eine orangefarbene Katastrophe! Der Farbsud war übergekocht und hatte große Teile meiner Küche in ein Schlachtfeld verwandelt! Dabei war der benutzte Topf wirklich groß und nur wenig über die Hälfte gefüllt! Der Herd war eingesaut, die Arbeitsplatte partiell. Die Brühe lief in Ritzen und Fugen, tropfte und rollte an Schranktüren hinunter und am Backofen entlang, bis sie sich schließlich in einer Riesenlache auf dem Fußboden sammelte. Überflüssig zu erwähnen, dass diese Szenerie von dem entsetzlicher Orleansaat-Gestank begleitet wurde, quasi als Tüpfelchen auf dem i.

Bedröppelt machte ich mich daran, die Sauerei zu beseitigen und konnte bereits zu diesem Zeitpunkt feststellen, dass Orleansaat hervorragend färbt! Bei der Arbeitsplatte und den Schränken hatte ich zunächst wirklich Bedenken, ob sich die Farbe wieder entfernen lässt. Ja, zum Glück, es funktionierte! Beim Griff der Backofentür brauchte ich einen zweiten Anlauf mit einem anderen Putzmittel, doch dann war auch der wieder akzeptabel. Schwierig war es, die bröckelige Orleansaat aus allen möglichen Ritzen zu kratzen. Wo man das Unglück tatsächlich noch erahnen kann, ist der Fußboden. Während die Platten keine Probleme machten, kann man jetzt noch sehen, dass die Fugen an den betroffenen Stellen einen Tick orange-stichig sind. Mit Küchenkrepp bewaffnet robbte ich am Boden entlang, um den Sud aus den Ritzen unter den Schränken zu saugen. Irgendwann, wenn unsere Küche einmal ausgebaut werden sollte, werde ich meinem Mann erklären müssen, weshalb sich hinter der Verkleidung orangefarbene Flecken befinden... (er liest meinen Blog nicht, hat also keine Ahnung, welche Vorgänge in unserer Küche passiert sind, hö, hö...) Im Nachhinein bedauere ich, kein Foto gemacht zu haben, aber glaubt mir - zu diesem Zeitpunkt war mir nicht wirklich nach Fotografieren zumute ;-) . 

Irgendwann hatte ich die Küche wieder im Griff und ja, die Lust zum Färben war tatsächlich noch immer vorhanden! Das Nr. 2 Rezept war nun im Eimer, die Mengenangaben stimmten halt nicht mehr mit den Vorgaben überein, denn der übergekochte Orleansaat-Anteil fehlte jetzt. Aber trotzdem war noch reichlich Farbsud da und mit dem arbeitete ich weiter. Während die Cochenille zum Auskochen auf dem Herd stand, begann ich mit den ersten Orange-Färbungen im Färbe-Einkochtopf. Und letztlich bescherte mir der Färbetag die leuchtenden und satten Farben des Orients! Vor allem wenn die Sonne scheint sind die Farben richtig knallig!


Wahnsinn, nicht wahr? Ich schätze, diese Leuchtkraft kommt von der Beize (Alaun und Weinsteinrahm). Bei den nachfolgend gezeigten mit Kaltbeize vorbehandelten Strängen zogen die Farben weniger knallig auf. Etwas ruhigere, aber sehr schöne Töne entstanden auch hier. Diese Beiden werden vermutlich noch die Bekanntschaft mit einer Indigo-Färbung machen:



Dann gab es auch zwei Stränge, die durch die roten Farbanteile fertig gestellt wurden. Zunächst die kürzlich bereits vorgestellte experimentale Frauenmantel (grau)/Blutbuche (grün) - Mischung, die nun noch mit der Orleansaat-Cochenille-Färbung ergänzt wurde. Mit dem Rot zusammen wirkt das Grün wieder anders. Die Farben waren schwer zu fotografieren.


Und zum Schluß noch eine Mix aus Goldrute und Indigo, bei der das Orleansaat-Cochenille-Rot wunderbar mit den bereits vorhandenen Farben harmoniert. Über diesen Strang freue ich mich derzeit am meisten. Vielleicht weil er so schön bunt ist... :-)


1 Kommentar:

  1. Dein Bericht ist mal wieder höchst amüsant und ich mußte einige Male schallend lachen!
    Ja, eingesaute Küche hin oder her, manchmal muß man halt Opfer bringen, wenn das Ergebnis dann derart WUNDERSCHÖN wird!!!
    Was für herrliche Farbtöne (die Natur ist ein unglaublicher Zauberer) - da kann man sich kaum Sattsehen. Ich weiß gar nicht, welcher Strang mein Herz am höchsten schlagen lässt. Du hast Dich wirklich selbst übertroffen!

    Sabine

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